SALUTOGENESE als ein Grundkonzept der 'Klassischen Naturheilkunde'

Das Konzept der Salutogenese wurde von Antonovsky in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt. Es beschäftigt sich mit der Entstehung von Gesundheit. Im Gegensatz hierzu steht die Pathogenese, welche die Entstehung von Krankheit behandelt.

Eine der wichtigsten Hypothesen von Antonovsky lautet, dass Gesundheit nicht ein Zustand, sondern einen Prozess darstellt. Der Mensch ist nicht krank oder gesund, sondern er hat immer gesunde und kranke Anteile. Wir haben uns eine Linie vorzustellen, auf der zum Beispiel der linke Endpunkt die Gesundheit und der rechte Endpunkt die Krankheit darstellt. Der Mensch befindet sich nun, solange er lebt, nie ganz rechts oder ganz links, sondern immer irgendwo auf der Linie zwischen den Endpunkten. Wir sprechen also nicht von der "Galle auf Zimmer 216", sondern von "Herrn Müller", der neben seinen Gallenbeschwerden auch viele weitere körperliche und psychische Aspekte in sich vereint. Und diese anderen Aspekte haben wesentlichen Einfluss auf seinen Umgang mit der Krankheit und seinen Heilungschancen. Bei dem Konzept der Salutogenese werden diese Aspekte berücksichtigt. Wobei hier gilt: Das Konzept der Salutogenese ersetzt nicht das Konzept der Pathogenese, sondern ergänzt dieses sinnvoll.

Das salutogenetische Grundverständnis liegt auch der Naturheilkunde und hier insbesondere dem Element der Lebensordnung (Balance) zugrunde. So erkannte z.B. Sebastian Kneipp, dass er Einfluss auf die Lebensumstände seiner Patienten nehmen musste, wenn er ihre Position im Gesundheit-Krankheits-Kontinuum in Richtung Gesundheit verschieben wollte. Kneipp kannte als Seelsorger das Leben des "gewöhnlichen" Bürgers im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung. Er  wandte sich vehement gegen die Stadtflucht und die herrschende Glorifizierung des städtischen Lebens. Er erkannte früh die möglichen negativen Folgen der industriellen Arbeit auf die Gesundheit der Arbeiter.

Dies führte dazu, dass er auf die "Lebensführung" einen Schwerpunkt in seiner naturheilkundlichen therapeutischen Praxis legte. Sichtbar wird dies an seinem Ausspruch: "Erst als ich daran ging, Ordnung in die Seelen meiner Patienten zu bringen, hatte ich vollen Erfolg". Ordnung in die Seelen zu bringen ist bei Kneipp einerseits so zu verstehen, dass er auf Basis des christlichen Menschenbildes und der christlichen Ethik Werte vermittelte und zum Glauben an die Bibel als Wort Gottes aufrief.

Auf dieser Basis wurde er dann aber auch konkret und praktisch. Er gab z.B. detaillierte Empfehlungen zur Schlafens- und Aufstehzeit, zur Gestaltung der Wohnung, zu Hobbys und zur Partnerschaft. Einiges davon erscheint heute antiquiert und muss auch tatsächlich an die heutigen Verhältnisse angepasst werden.  Anderes kann aber auch heute noch als aktuell angesehen werden.

Eines der Beispiele hierfür ist die drastische Zunahme der seelischen Stressoren, welche zum Beispiel in die Diagnose "Burnout" führen. Es ist interessant, dass zu Kneipps Zeiten häufig die sogenannte "Neurasthenie" diagnostiziert wurde, eine Krankheit, die verblüffende Ähnlichkeiten mit der heutigen "Burnout"-Diagnose aufweist. Die Therapievorschläge von Dr. Baumgarten (dem Nachfolger von Sebastian Kneipp) in seinem Buch "Neurasthenie" (Baumgarten, Alfred; 2. Auflage, Wörishofen, 1903), können in großen Teilen an das heutige Wissen zu Vorbeugung, Diagnose und Therapie des "Burnouts" angepasst werden.